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pdf file Titelbild Heft 201, 2011

Editorial

Wie organisiert man den millionenfachen Mord? Vor siebzig Jahren, am 20. Januar 1942, trafen sich fünfzehn hochrangige Vertreter von NS-Behörden in einer Villa am Berliner Wannsee, um die praktische Umsetzung der Vernichtung der europäischen Juden zu planen; die Entscheidung zum Holocaust war damals längst gefallen. Die Details des Treffens, was besprochen wurde, wer anwesend war, das ist bekannt und muss an dieser Stelle nicht wiederholt werden. Peter Steinbach nutzt die siebzigste Wiederkehr des Treffens, um sich »Gedanken über das Gedenken« zu machen. Er beklagt eine Ritualisierung der Erinnerung, die nicht der Rückschau diene, sonder als Anlass für »Statements zum Tage«. Doch »modisch anmutende Aktualisierungen von historischen Erkenntnissen erschweren das Nachdenken über Voraussetzungen und Konsequenzen des Völkermords an den Juden«, so sein Urteil. Wie »Juden und Deutsche, jeder für sich und gemeinsam, mit der Vergangenheit um gehen«, ist auch eine Frage, die den Israelischen Gesandten Emmanuel Nahshon bewegt. Neben der Freude über die vielen unterschiedlichen Projekte, von denen jedes einen »Sieg über das Vergessen und die Gleichgültigkeit« bedeute, drückt er sein Entsetzen darüber aus, dass die Shoah und das Gedenken an sie »missbraucht und banalisiert werden. Dies ist eine Gefahr, der wir in bestimmten Aspekten auch in Israel gegenüberstehen.« »Lebendiges Gedenken statt Ritualisierung« fordert auch der Gesandte (s. »Erinnerung an die Shoah«).

Zwei Persönlichkeiten der NS-Widerstandsgeschichte, die das gleiche Ziel verfolgten, widmet sich Werner Renz: Georg Elser und Claus Schenk Graf von Stauffenberg wollten beide Hitler töten, der eine bereits am 8. November 1939 durch eine selbst gebaute Bombe im Münchner »Bürgerbräukeller«, der andere mit einer Plastiksprengstoffladung am 20. Juli 1944 im Führerhauptquartier »Wolfsschanze«. Verbindendes und Trennendes der beiden Attentäter zeigt Renz auf und lenkt den Blick auch darauf, wie nach dem Krieg die bundesrepublikanische Öffentlichkeit über die Männer und ihre Taten urteilte (s. »Elser und Stauffenberg«).

Gleich drei Artikel in diesem Heft beleuchten jüdisches Leben in Deutschland: Ricarda Haase beschäftigt sich mit dem »Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens«. Sie stellt die These auf, die 1893 gegründeten Organisation habe von Anfang an auch auf die jüdische Gemeinschaft selbst einwirken, sie zusammenführen und stärken wollen. Ein Ziel sei die Etablierung einer jüdischen Gesamtvertretung gewesen, um so gegenüber dem deutschen Staat eine bessere Position zu haben und eine Gleichbewertung der jüdischen mit den beiden großen christlichen Religionen zu erreichen (s. »Verteidiger des Judentums«). Über das Hamburger Grindelviertel einst und jetzt berichtet Rasmus Helt. Bis zur Ausgrenzung, Deportation und Ermordung der Juden in der NS-Zeit war der Grindel ein pulsierendes Zentrum, in dem Juden und Nichtjuden gleichermaßen ihrem Alltag nachgingen. Nach 1945 war von diesem Miteinander auch im Stadtbild kaum noch etwas zu sehen. Aber Helt zeigt, wie in den letzten Jahren einerseits die Erinnerung an das Vergangene aufgefrischt wird und andererseits neue Ansätze eines gemeinsamen Lebens von Juden und Nichtjuden sichtbar werden (s. »Unwiederbringlich verloren?«). »Wie leben eigentlich heute Juden in Deutschland?« Diese Frage steht am Beginn von Ursula Homanns Beitrag »Juden der zweiten Generation«. Anhand der jüngsten Veröffentlichungen von vier Autorinnen – der Schauspielerin und Regisseurin Adriana Altaras sowie der Schriftstellerinnen Viola Roggenkamp, Barbara Honigmann und Lena Gorelik – präsentiert Homann ein Mosaik jüdischer Lebenswelten in der Bundesrepublik.

Inhalt

Charlotte Oppermann Zerrbilder
 

Agenda

Alexander Felsenthal
Hartwig Bierhoff
Barbara von der Lühe
Johanna Holler
Roland Kaufhold
Peter Hoff-Burg
Peter Stiegnitz
Helga Haas
Ilan Hameiri
Tekla Szymanski
Alexander Frisch
Katrin Diehl
Roland Kaufhold
Susanne Müller
Nina Dehos
Deutsches Kaleidoskop I (2012)
»Keine Argumente – Nirgends«
Berliner Bühne I (2012)
Rechts im Blick
Kindertransporte aus NRW
Österreichisches Mosaik I (2012)
»Nationale Kameraden« treffen sich
Ungarn-Mosaik 2012
Israelisches Tagebuch I (2012)
Notizen aus den USA I (2012)
Der letzte Grund
Versuchte Demontage
Kein Ort. Nirgends
Mahner und Menschenfreund
Ausgestrahlt & Reflektiert I (2012)
 
 

*

Anton Maegerle
Peter Steinbach
Emmanuel Nahshon
Rolf-Michael Simon
Ricarda Haase
Ulrich Renz
Rasmus Helt
Margret Karsch
Susanne Schröder
Wolf Scheller
Ursula Homann
Bundesrepublik und Rechtsextremismus
Gedanken über das Gedenken
Erinnerung an die Shoah
Not like Dachau, Herr Mufti
Verteidiger des Judentums
Elser und Stauffenberg
Unwiederbringlich verloren?
Flickenteppich der Geschichte
Denken fördern
»Die Quelle der Tränen«
Juden der zweiten Generation

BÜCHER  mit Rezensionen von  Anja Schader, Klaus-Peter Friedrich, Andreas Disselnkötter, Ursula Homann, Herbert Koch, Remko Leemhius, Tino Schlench, Wolf Scheller

LESERBRIEFE

last update 07.12.2011